Wird der Bremer Osten abgehängt?

Längst schaffen es die Berichte von Karin Mahlstedt aus den Quartieren vom Stadtteilkurier in den Weserkurier-Hauptteil. Die schreibenden Kollegen Anette Kemp und Andreas Holling können sich schon seit Wochen nicht über einen Mangel an Themen beschweren. Es brodelt in Osterholz.

Es war schon schlimm genug, dass über einen unendlichen Zeitraum die St.-Gotthard-Straße einseitig für den Bau der Verlängerung der Straßenbahnlinie 1 gesperrt wurde, damit die Verbindung Stadtmitte über den Weserpark zum Bahnhof Mahndorf realisiert werden kann. Die Bahn soll fahren, am besten schon am 26. März 2012, sofern der Winter denn zustimmt! Fährt der Fortschritt dann am Schweizer Viertel vorbei?

Unermüdlich kämpfen die Osterholzer Bürgerinnen und Bürger für eine bessere Anbindung des öffentlichen Personenverkehrs an die Bezirke Bultenweg, Große Vieren und Focke-Wulff-Siedlung. Ebenso unermüdlich wird auf die mangelnde Sicherheit der Walliser Straße hingewiesen.

Doch was hörten wir am Montag in einer voll besuchten Beiratssondersitzung im Ortsamt vom Staatsrat beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr, Wolfgang Golasowski, „ die BSAG ist gehalten, die Zuschüsse aus der Stadtgemeinde bis 2020 erheblich zu verringern. Wir können uns einen so hohen Zuschuss nicht mehr leisten!“ Wie war das noch? Angriff ist immer die beste Verteidigung?

Worum geht es konkret? Nun, die Bürgerinnen und Bürger in Osterholz, die sich nun schon so lange um einem Ausbau der Mobilität bemühen, müssen zukünftig damit leben, dass man ihnen einen Teil ihrer bisherigen und ungenügenden Beweglichkeit entzieht. Geht das? Millionen für die Straßenbahnverlängerung und gleichzeitig Minderung der Mobilität? Nichts leichter als das. In solchen Situationen wird gerne ein Gutachter ins Spiel gebracht. Ein Blick in den Bremer Anzeiger vom 08.02.2012 verrät: Ein Gutachter hatte einen Rückgang der Fahrgastzahlen um 1000 auf künftig 1500 Passagiere vorhergesagt. Na toll! Und wer hat den Gutachter bezahlt? Bei einer solchen Prognose macht es doch sicher richtig Spaß, als Planer ein sicheres BSAG-Gehalt zu bekommen und gleichzeitig Einschränkungen der Buslinien 25, 37, 38 sowie 40/41 zu verordnen. Aber wie lautet denn bitte der Auftrag der BSAG? Gibt es vielleicht einen Verkehrsvertrag? Warum erhält die BSAG Zuschüsse? Nun, wer in der Betriebswirtschaftslehre aufgepasst hat, verfügt über ausreichende Kenntnisse. Bürgerinnen und Bürger zahlen Steuerabgaben, damit mit diesen Mitteln unter anderem intakte Straßen und öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung stehen. Je besser das Netz, je schneller die Wege, umso effektiver das Wirtschaftssystem.

Tatsächlich zeichnen sich aber entgegengesetzte Entwicklungen ab. Wie zitierte Karin Mahlstedt im Bremer Weserkurier / Stadtteil-Kurier vom 09.02.2012 den Beiratssprecher Wolfgang Haase bei seiner Ansprache in der Sondersitzung des Beirates Osterholz: „Ich glaube, alle Osterholzer sind hocherfreut über die Verlängerung der Linie 1. Aber wir sind erschrocken darüber, dass nun so erhebliche Nachteile für den Stadtteil entstehen. Das kann und darf so nicht sein.“

So wird es aber kommen! Weiter im Text: Die seit langem geforderte Erschließung der Graubündener Straße und des Bultenweg-Quartiers wird nicht berücksichtigt. „Mit der Linie 38 wird die Direktverbindung zwischen Blockdiek und Sebaldsbrück ersatzlos gestrichen“, sagte Ralf Dillmann (Grüne). Die Linien 38, 40 und 41 seien zusammen sechsmal in der Stunde vom Schweizer Viertel aus nach Sebaldsbrück gefahren, künftig solle es nur noch drei Fahrten geben. Und es gebe dort keine neue Verbindung mit der Linie 1. Auch an der Osterholzer Heerstraße gebe es viel weniger Fahrten. „Die Ausdünnung führt zu einem massiven Attraktivitätsverlust des ÖPNV in Osterholz. Irgendwann bewahrheitet sich dann die Voraussage des Gutachters, dass die Fahrgastzahlen sinken“, sagte Ralf Dillmann ganz ohne Kristallkugel-Erfahrungen und er erntete dafür Applaus von den versammelten Bürgern.

Versuchen wir es mal mit einem weiteren zu Guttenberg und werfen einen Blick in den Weserreport vom 08.02.2012. Dort erfahren wir: Ralf Dillmann nannte das Buslinien-Konzept „desaströs“ und „unzumutbar“.

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Marktbetreiber warten auf Kundschaft. Schwebt heute noch ein Bus mit Kunden an der Haltestelle Schweizer Viertel ein? (Graphik arvico)

Martin Nussbaum von der BSAG ist ein erfahrener und unerschrockener Kämpfer, der mit diesen Worten umgehen kann. An seiner Seite hat er die Unterstützung von Staatsrat Wolfgang Golasowski. Er versprach eine Prüfung des neuen Liniennetzes (welche vom Beirat sofort erfolgen sollte), wenn sich der neue, also reduzierte Fahrbetrieb nach einem bis eineinhalb Jahren eingespielt hat. „Ich komme dann gerne wieder her. Wir werden etwas ändern, wenn sich Fahrgastströme anders verhalten, als von uns prognostiziert.“ Das hört sich an, als würde sich der Staatsrat über die versammelten Bürgerinnen und Bürger lustig machen.

Für die Prognose war bekanntlich der Gutachter zuständig, damit die eigene Weste ihre helle Farbe behält. Vollendete Tatsachen werden geschaffen. Die Osterholzer Bürgerinnen und Bürger haben also in den nächsten eineinhalb Jahren keine Wahl. Sie sind zukünftig durch den neuen Fahrplan gezwungen, teilweise ganz auf Mobilität zu verzichten oder andere Wege zu suchen. Bürgerbus und Bürgertaxi waren bislang Themen, die als Ergänzung, und nicht als Grundlage für Mobilität diskutiert wurden. Und nun? Noch einmal Ralf Dillmann: „Man kann die Menschen doch nicht zum Autofahren zwingen. Damit machen sie den Nahverkehr kaputt.“

Zum Abschluss Erika Habekost. Sie spricht uns aus dem Herzen: „Ich bin erschrocken und finde, dass die Menschen in den Quartieren diskriminiert werden, wenn sie von dem ÖPNV-Verkehr abgehängt werden!”

Die Kaufleute im Schweizer Viertel sind entsetzt über diese Verkehrspolitik. Noch vor kurzem wurde im 3. Workshop über eine Kombination der Verkehrsmittel diskutiert. Nun müssen sie um jeden zusätzlichen Parkplatz kämpfen, denn ohne Kunden kann kein Zentrum leben. Zusätzliches Leben und Attraktivität sind aber genau die Dinge, die von den Bürgerinnen und Bürgern ersehnt werden. Haben die Osterholzer noch eine Lobby? Zusätzliche Attraktivität wurde in den 3 vergangenen Bürger-Workshops gefordert. Ralf Dillmann aber erfasst die Lage anders: „Diese Ausdünnung bedeutet einen Attraktivitätsverlust!“ Wie kann dieses Signal verstanden werden? Hören wir hier vielleicht ein Aufruf an alle interessierten Investoren mit der Kern-Forderung: Last die Finger vom Bremer Osten? Richtet sich die Qualität des ÖPNV-Verkehrs zukünftig nach der anteiligen Höhe der von der Bevölkerung entrichteten Abgaben? Warum müssen ausgerechnet die Osterholzer einen so hohen Preis für die Straßenbahnverlängerung zahlen? Ist das die zukünftige Art der Gegenfinanzierung? Wird als nächstes der Standort Krankenhaus Ost gestrichen, weil das Geld für eine Sanierung fehlt?

Die BSAG spielt mit der Zukunft des Bremer Ostens. Als Verursacher der anstehenden Veränderungen stehen die BSAG und die Unterstützer dieser Politik in der Verantwortung. Sind sie sich dessen bewusst, dass sie die Weichen für einen Fortschritt gestellt haben, der zukünftig an den Quartieren vorbeifährt?

Die geplanten BSAG-Sparmaßnahmen müssen sofort zurückgenommen werden, so die Forderung der Kaufleute des Schweizer Viertels!

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